Kalle krönte Café Noir
Echt jetzt? Ihr kennt Kalle nicht? Spätestens seit dem vergangenen Wochenende zog Ratte Kalle in das Ormesheimer Kanalnetz ein und eroberte im Nu die Herzen des Auditoriums. Die Kanalratte als Puppe auf der Hand der bezaubernden Murzarella war der krönende Schlusspunkt im Café Noir. Die KleinkunstShow des Kultur- und Theatervereins lockte an beiden Abenden jeweils wieder knapp 250 Kulturhungrige in den altehrwürdigen Festsaal Niederländer, dessen Tage wohl im nächsten Jahr gezählt sind. Und diesmal war der Chef selbst Teil des musikalischen Programms. Reiner Pirrung bediente die Trommeln beim Opener Maike & The Mechanics. Und dort ging’s kraftvoll los. Auf Bon Jovis „Who says you can’t go home“ folgten die Balladen „Heal over“ (KT Tunstall) und „What’s up“ von den 4 Non Blondes. Letztgenannte ließen die Stimmen von Maike Pirrung-Krüger und Georg Latz brillieren. Mit den schnelleren Songs „This is the life“ von Amy MacDonald und „Little Talks“ von Of Monsters and Men setzte das Quartett – Hans Werner Latz komplettierte die Gitarrenriege – gesangliche Glanzpunkte, die das Publikum zu diesem frühen Zeitpunkt schon zum Mitsingen und Mitklatschen animierte. Das setzte sich fort als die Jüngsten auf die Bühne kamen. Mindestens beim Schlusslied „I will survive“ sang der ganze Saal. Oleksandra (Lupenko) & Darleen (Hubertus) hatten tatsächlich sowas von Power in ihren Stimmen, das war überragende Sangeskunst. Zu Amy Winehouse‘ „Valerie“ spielte Oleksandra zudem exzellent Geige. Applaus für die beiden noch und nöcher!
Den Anfang der „ruhigeren“ Programmpunkte machte der KTV-Oldie Monsieur Claude alias Jean Claude Philippe. In früheren Tagen war er Theaterspieler, Büttenredner und mit dem elsässisch-deutschen Kabarettstück 1988 auf der Café Noir-Bühne. Monsieur Claude also räsonierte über die Vertreibung – durchgeführt von „Gabriel, dem Chef de la Gendarmerie du Paradis“ – von Adam et Eve aus dem Paradies, weil sie bekanntlich vom Apfelbaum, der Privat-Renette von Monsieur Herrgott, genascht hatten. Köstlich! Wortlos als Madame Chic und Madame Choc saßen Marina Jung und Nicole Uhl, vermutlich in einem Wartezimmer, nebeneinander. Und während Frau Chic ihrer Schönheit durch Schminken, schicken Hut und Parfüm frönte, gab Frau Choc das hässliche Entlein mit Nutella im Gesicht, Kochtopf als Kopfbedeckung und Maggi als Duftwasser. Schön schräg und urkomisch! Im zweiten Teil des Abends las Hans Beislschmidt – früher Inhaber des Theaters Blauer Hirsch in St.Arnual – aus seinen überwiegend sehr lustigen, teils aber auch sarkastisch-zynischen Texten. So beispielsweise bedichtete er weltweit als Einziger „Das Fischstäbchen“ oder „Die Hyäne“ („…Der Preis von diesem Tier ist’s wert. Gut ist – ich sag es unumwunden, der Nachbar, der sich stets beschwert, ist seit Tagen schon verschwunden.“). Ein Credo für das Lothringer Platt-Schwätze besang die Gruppe Schaukelperd beispielsweise in ihren Liedern „Dreh dich mol um“, Essich Krug“ oder der Hymne „Die Katz, die isch zerickkumm“. Die Brüder Didier (Geige) und Hervé Atamaniuk (Flöten, Drehleier etc.) sowie Doc Michael Schäfer sorgten für viel gute Laune.
Bauchnabel und Klingelbeutel
Und danach kam er bzw. sie! Kalle, die Kanalratte mit Stimme- und Gesangsgeberin Murzarella. Es war der absolute Höhepunkt im Café Noir 2025. Unglaublich, was diese zierliche Frau aus ihrer Stimme holt. Rock, Oper, Jazz („All of me“), alles wirklich aus dem Munde ihrer Puppen live gesungen. Sabine Murza ist leidenschaftliche Sängerin und Puppenliebhaberin und so kam’s wie’s kommen musste: Murzarella – so ihr Künstlername – ist Deutschlands, ja vielleicht Europas einzige Bauchsängerin. Im Laufe des Abends gesellten sich zu Kalle die Operndiva Adelheid und das Löwenmädchen Leonie, die fest davon überzeugt ist, dass ihr Vater den Lionsclub gegründet hat und ihre Mutter zu Senf – Löwensenf – wurde. Und natürlich durfte Dudu, der rotzfreche Kakadu nicht fehlen. Er lieferte sich ein umfassendes Gesangsduell mit seiner Chefin. Er eher so der „Atemlos“- und „1000mal verflogen“-Typ, sie dagegen begeisterte mit glockenklarer Stimme bei „You raise me up“ von der irisch-norwegischen Band Secret Garden oder Aretha Franklins „Respect“. Absolute Ohrenschmäuse!! Kurz davor gab Kalle noch seine eigenen Weisheiten zum Besten. Sein Arzt habe ihm gesagt: „Ich soll abnehmen, mein Bauchnabel ist zu weit weg von meiner Wirbelsäule“ und nach einem Saunabesuch mit viel Untenrum-Piercings „Da bekommt das Wort Klingelbeutel eine ganz andere Bedeutung“. Das Publikum schrie sich weg. Das Ende des gut dreistündigen Kleinkunstprogramms nahte dann, als Heavy Metal-Freak Kalle zur Zugabe nochmals auf die Bühne kommen und „TNT“ intonieren dufte. Da hielt die Zuschauer nichts mehr auf den Stühlen. Stehende Ovationen. Frenetischer Applaus für die stimmgewaltige Puppenqueen Murzarella. Und weil die Leute sie am zweiten Abend danach immer noch nicht gehen lassen wollten, kam es zu einer Weltuhraufführung (!). Murza stimmte Nat King Coles „Autumn Leaves“ an, begleitet von Doc Michael Schäfer an der Gitarre. Wieder einmal Sternstunden im fiktiven Kaffeehaus des Ormesheimer Kultur- und Theatervereins. Das Team um Café Noir-Erfinder Reiner Pirrung sorgte wie schon so oft in den vergangenen Jahrzehnten für eine äußerst unterhaltsame, kurzweilige und höchstvergnügliche Zeit.